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23. Februar 2026

Die „Sandbank der Zeit“ ist ein spannendes und eingängiges Lesebuch, führt ein in die osteuropäische Gedankenwelt, hilft, den Ukrainekonflikt zu verstehen, Empfehlenswert!

Das Buch ist im Wesentlichen eine Zusammenstellung von Reden und Aufsätzen, die Schlögel – Preisträger 2025 des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – zwischen 2003 und 2025 gehalten oder veröffentlicht hat. Diese – überwiegend sehr aktuellen – Beiträge fügen sich wie ein Mosaik zu einem aktuellen Lagebild des strategischen Kräftemessens zwischen Russland und dem Westen bzw. Russland und Europa zusammen.

Schlögel, als Student ein bekennender 68er, ist eines von wenigen Beispielen dafür, dass man nach der ideologischen Verblendung der Jugend doch noch zu einem klaren Urteil kommen kann. Er liefert uns eine Fülle von Argumenten, die helfen, den schwelenden Konflikt richtig einzuschätzen und die notwendigen Lehren daraus zu ziehen. Er leistet tätige Reue, was man leider von vielen 68ern nicht sagen kann.

Als Historiker steht er teilweise im Konflikt mit seiner eigenen Wissenschaft, er wehrt sich dagegen, die (Gegenwarts-) Geschichte nur oder überwiegend aus dem Quellenstudium zu erforschen, vielmehr sieht er sich selbst als Chronist der Gegenwart. Zudem verfolgt er sein ganzes Leben lang die Strategie, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder zugänglichen Städte systematisch zu bereisen und zu beschreiben, was für ihn schon viel früher – vor dem Fall des Eisernen Vorhangs – mit einer Klassenfahrt von Lwiv über Kiew und Charkiev bis Moskau begann, sich über das Studium u.a. in Moskau an der Lomonossow-Universität fortsetzte und sich inzwischen über alle wesentlichen osteuropäischen Städte erstreckt.

Schlögel sieht die Aufgabe des Historikers als Chronist der Gegenwart, der mit den Augen des Fachmannes die Kategorisierung und Benennung der Ereignisse zeitnah vornimmt, um späteren Unklarheiten vorzubeugen, betont aber, dass auch die Arbeit am Werkstück in der Gegenwart nicht auf die Fundierung durch seriöse Quellen verzichten darf.

Mit der „Entdeckung“ der Ukraine, die lange aus westlicher Perspektive ein blinder Fleck war, werden die europäischen Koordinaten zurechtgerückt, die allzu sehr auf Russland reduziert und fixiert waren. Interessant auch die (Wieder-) Entdeckung der „Melancholie“ als eine historische Kategorie, die uns Erklärungsansätze liefern kann.

Schließlich liefert er im letzten Kapitel ein Psychogramm von Putin, welches in komprimierter Form zusammenfasst, was inzwischen allseits und umfänglich bekannt ist. Durch die Zeilen hindurch schimmert allerdings die Frage durch, wieso Politiker und Diplomaten, die mit ihm persönlich zu tun hatten, ihn nicht schon viel früher erkannt und durchschaut haben. Die „Sandbank der Zeit“ ist ein spannendes und eingängiges Lesebuch für den politisch interessierten Zeitzeugen, es führt ein in die osteuropäische Gedankenwelt und hilft, den Ukrainekonflikt zu verstehen. Kurzum: man kann es zur Lektüre empfehlen!  

Karl Schlögel, Auf der Sandbank der Zeit, Der Historiker als Chronist der Gegenwart, Hanser-Verlag, München, 1. Auflage, 2025, 167 Seiten plus 8 Seiten Anhang, ISBN 978-3-446-28691-7, 23,00 €